Zweirad-Union AG Geschichte

Zweirad-Union AG Geschichte

Die Zweirad-Union AG Gründung

Am 8. November 1958 verkündete Dr. Burkart auf der letzten Hauptversammlung der Zweiradwerke Victoria AG im Nürnberger Carlton-Hotel, dass er ein "Homo novus" sei, da er den Mut hatte und die Karre aus dem Dreck gezogen hat. Im zweiten Atemzug wurde sein Beschluss über die Namensänderung der Victoria-Werke AG in die Zweirad-Union AG bekannt, was ein weiterbestehen in Nürnberg sicherte. Die Ereignisse um die Zweirad-Union AG und die Zusammenführung von drei traditionsreichen Zweiradherstellern (DKW, Victoria und Express) war sogar dem Magazin „Der Spiegel“ in der Ausgabe Dezember 1958 eine Titelgeschichte wert.

Die Vorgeschichte

Im Dezember 1954 wird in Deutschland die Führerscheinregelung für Krafträder geändert, was zur Folge hat, dass Zweiräder ab 50ccm Hubraum nur noch mit einem Führerschein der Klasse 1 betrieben werden durften. Dies verursachte einen starken Kaufrückgang. Das wiederum hatte zur Folge, dass die kleineren Hersteller mit allen Mitteln versuchten Ihre Verkaufspreise zu mindern und somit durch den immer größer werdenden Konkurrenzkampf in der Zweiradrad-Branche, Pleite gingen. Die Verkaufszahlen im Zweiradgeschäft brechen 1956 stark ein, nachdem immer mehr Hersteller Pkw's für den Normalbürger erschwinglich machten. Die erste Firma, die Bismarck-Werke, musste 1957 Konkurs anmelden. Bis Ende des Jahres verschwanden 63 Firmen von der Bildfläche - damit war die Zweiradindustrie am Boden.

Die Marken der Zweirad-Union AG

Victoria

Auch der Victoria-Werke AG, die 1886 von Max Frankenburger und Max Ottenstein gegründet wurden, geht es im Sommer 1957 sehr schlecht – Victoria war praktisch pleite! Dazu kam, dass die Auslastung des damals modernen Victoria-Werkes sehr gering war.
Der Kleinstwagen Victoria "Spatz" (859 Stück Produziert) mit einer Kunststoffkarosserie konnte sich gegenüber anderen Kleinwagentypen nicht durchsetzten (Grund dürfte insbesondere der beschwerliche und bei geschlossenem Faltdach fast unmögliche Einstieg in das Auto gewesen sein) – dieses Abenteuer kostet Victoria alleine ca. 3 Millionen Mark. Auch die Victoria KR21 "Swing" (Nachfolger der "V35 Bergmeister") war aufgrund der aufwendigen Konstruktion mit elektromechanischer Schaltung sehr teuer in der Herstellung und technisch wenig zuverlässig, was zu Absatzproblemen und dem finanziellen Fiasko führte.
Bei den letzten Serien der „Swing“ wurden ca. 370 Mark Verlust gemacht, bei jeder Victoria Parilla 400 Mark, was Direktor Tschech bekennend zugab. Durch die Kenntnisnahme der Verluste der Victoria-Werke AG durch die Hausbank des Unternehmens wurde Dr. Odilo Burkart, Generaldirektor der Flicksch'en Eisenwerk-Gesellschaft Maximillianshütte AG, der zu damaligen Zeiten als "der Sanierer" galt, alarmiert. Dr. Burkart sieht eine Chance in der Zweiradindustrie groß zu werden und entschließt sich, die Victoria-Werke AG zu sanieren, jedoch mit gewissen Forderungen – die Gläubiger mussten auf 30% Ihrer Forderungen verzichten und das Stammkapital wurde von 4,95 Millionen auf 2,47 Millionen zusammengelegt. Erst dann brachte Dr. Burkart 2,5 Millionen Mark neues Kapital in die Gesellschaft ein.

Express Werke AG

Ende 1958 treten die Bankdirektoren der Hypo-Bank erneut an Dr. Burkart heran, da die Expresswerke in Neumarkt (Die Express Werke AG in Neumarkt in der Oberpfalz baute ab 1884 Fahr- sowie Motorräder mit Fafnir-Motoren aus Aachen. In Neumarkt entstand die erste Fahrradfabrik auf dem europäischen Festland) wegen schlechter Führung, enormen Wirtschaftseinbußen und vielen Diebstählen in den eigenen Reihen, zahlungsunfähig geworden ist. Vor einer Zusage der Übernahme der Express Werke verlangte Dr. Burkart eine Durchleuchtung der Express Werke. Der leitende Direktor der Express Werke war von 1929 bis November 1956, Victor Lentz, der 1956 von Georg Gutmann aus gesundheitlichen Gründen abgelöst wurde (man sagte Ihm eine gewisse Schwäche für starke Getränke nach). Dieses Verhalten ihres Direktors nahm die Express Belegschaft wohl als Grund, es mit der Arbeitsdisziplin und den Eigentumsbegriffen nicht mehr allzu genau zu nehmen. Täglich schmuggelten Express Mitarbeiter und Angestellte große Mengen Ersatzteile außer Haus, die sie zu Hause zu fertigen Fahrzeugen zusammenbauten. Sonntags verkauften Sie dann Ihre Erzeugnisse weit unter dem Fabrikpreis an die Bevölkerung. Wie groß der Diebstahlschaden war, konnte keiner später mehr genau feststellen, da eines Tages die Lagerkartei in Flammen aufging.
Ende Juli 1958 hatten die Express Werke dann so hohe Bank- und Lieferantenschulden die nicht mehr durch neue Kredite getilgt wurden das am 28.7.1958 eine Konkursanmeldung erfolgen hätte müssen, die die Banken abwenden wollten. Deshalb versuchten die Banken Finanzmagnaten und Industrielle für Express zu finden. Alle lehnten ab, nur Burkart nicht. Ihm wurde Express, wie er sagte, "auf dem Frühstücksteller hingeschoben". Nach einer Inventur mit Wirtschaftsprüfung durch die Frankfurter Curator Treuhand AG der Express Werke AG zeigten sich die wahren Ausmaße. Der Unterschied der Realität und der damaligen Bilanzzahlen betrug ca. 3,7 Millionen Mark. Somit konnte Dr. Burkart die Express Werke nach seinen Wünschen erstehen. Er war nur interessiert, wenn Ihm die Hypo die Aktienmajorität zum Kurs von etwa 30% bis 40% des Nominalwertes bekam. Außerdem mussten die Express Werke vor der Übernahme noch saniert werden, so seine Bedingung. Bis Mitte September übernahm Burkart 63% der Expressaktien zum Nominalwert von 30% bis 40%. Die zweite Forderung, die Sanierung jedoch scheiterte, da die Großgläubiger (F&S und Benteler-Werke) keinen außergerichtlichen Vergleich eingingen und Konkursantrag stellen. Nach harten Verhandlungen einigte man sich auf einer außerordentlichen Hauptversammlung, 40% der Schulden, Express zu erlassen. Auf der folgenden Aktionärs Versammlung konnte Burkart durch geschickt eingefädelte Aktientransaktionen und –abwertungen sein Aktienpaket auf auf 80% bei minimalem Kapitaleinsatz erhöhen. Das finanzielle Risiko der Übernahme, lag wie bereits bei der Victoria-Sanierung, beim bayrischen Staat, die Ihm Ausfallbürgschaften für Großkredite bewilligten.

DKW

Im Frühjahr 1959 entschließt sich die Auto-Union AG Ingolstadt aufgrund der bevorstehenden Serienproduktion Ihres neuen Kleinwagens, sich von Ihrem schwächsten Glied, der Zweirad-Produktion zu entledigen. Dr. Burkart übernahm von der Auto-Union, an der Flick erheblich beteiligt war, alle Rechte, Patente, sowie einen Teil der Maschinen. Der Preis für die Zweiradmarke „DKW“ wurde nie bekannt gegeben, was eine eher obligatorischen Wert vermuten lies.

Bis Mitte 1960 hatte Dr. Burkart die Mopedpalette der jetzigen Zweirad-Union AG stark verkleinert. Ausgemerzt wurden vor allem bisher bekannte Verkaufsversager, wie die italienisch frisierten Victoria Motorräder. Die Fahrräder wurden vorläufig noch bei dem Express Werken hergestellt.

Die Verkaufspalette umfasste zur damaligen Zeit der Zweirad-Union:

2 DKW Motorräder (175ccm und 200cmm)
4 Victoria Moped Typen
2 DKW Moped Typen
2 Express Moped Typen
und mehrere Dutzend Fahrradtypen.

Durch die fast vollständige Auslastung der Fertigung, sanken die Herstellungskosten der Mopeds und Motorräder und es konnte wieder wirtschaftlich und mit Gewinn produziert werden. Um den Händlern einen Kaufanreiz zu bieten und möglichst viel Zweirad-Union-Mopeds abzunehmen, gewährt man ihnen für die gängigste Victoria-Type einen Rabatt bis zu 45%. Dr. Burkart will damit vor allem die junge Käuferschicht (< 25 Jahre) vom Kauf eines Kleinwagens abwenden und die Luxus- und Sportform an den Mann bringen. Dieser Plan ging auf.

Vor der Einführung von neuen Marken mussten die Ingenieure aber erst einmal der vorhandenen Modelle überarbeiten und diverse Fehlkonstruktionen (z.B. Gummifederung DKW Hummel, Victoria Avanti Vordergabel – Kurzschwinge wurde gegen Langschwinge mit Schwingungsdämpfern geändert) beheben bzw. erneuern.

Dann im Jahre 1960 ist es zum ersten Mal soweit. Es folgten neu konstruierte Motoren und Modelle. Es entstand die sogenannte "Blechbanane" (Typ 115/155), sowie Typen wie z.B. 113, 116, 126 und 156, 136 und 166. Die Typen wurden mit Motoren bestückt, die es zulassen, das Vehikel als Moped oder Mokick bzw. Kleinkraftrad auf den Markt zu bringen. Wurden die Motoren der Fahrzeuge anfangs noch vom Motor Typ 801 mit drei Gängen und Handschaltung übernommen, so entwickelte sich das im Laufe der Zeit bis etwas Sommer 1960 auf bis zu 5 Gänge und Kickstarter mit Fußschaltung. War die Leistung der Motoren bei der Übernahme noch um die 2,0PS steig diese ebenso wie die Gänge auf 5,3PS bei Typ 159. Die Verkaufszahlen steigen durch diese Maßnahme langsam aber stetig an.

 Blechbanane Typ 115 KKR

Victoria Blechbanane Typ 155
mit Direktor Tschech (rechts)

Nachdem Dr. Burkart den Betrieb an Hans Schmidt, den Inhaber der Faun LKW Werke (Fahrzeugwerke Ansbach und Nürnberg) aufgrund eines Verkaufs von einem Aktienpaket 1962 weiter gab, wurde die Fertigung der Zweirad-Union AG vollständig ausgelastet. Anfangs kamen durch Hans Schmidt über die Faun Werke, Kleinteilefertigungsaufträge nach Nürnberg, später dann Bundeswehraufträge für kleine LKW’s und Anhänger, Kofferaufbauten und Abschussgeräte.
Man spottete über die Zweirad-Union AG als "Nürnberger Resteverwertung". Gleichzeitig jedoch beunruhigte die Zweirad-Union AG die anderen Hersteller, da sich mit den drei Marken der Moped-Produktionsmarktanteil auf etwa 1/3 konzentrierte.

Das Ende der Zweirad-Union AG

1965 sind die Verkaufszahlen aufgrund des günstigen Kleinwagenangebotes wieder auf einem Minimum angelangt. Dr. Burkart beschließt, dass die neuen Modelle nur noch mit Zuliefermotoren gebaut werden und stößt daher die Motorenentwicklung und -produktion ab.
Fichtel & Sachs stellte die Motorenproduktion der Zweirad Union zu Gunsten der eigenen Motoren ein. Im Jahre 1966 wurde dann der Betrieb geschluckt!
1968 wurden keine Maschinen mehr mit dem Express-Logo gefertigt, ein Jahr später war auch das Victoria-Logo verschwunden. Für den internationalen Markt war, auf Grund der hervorragenden und bekannten Marke, alleine noch das DKW-Logo verwendet worden.


Verantwortlicher für den Text: Zweirad-Union-Mopeds

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