Victoria Avanti Typ 106

Mit sechzehn Jahren wäre mein Traum wahrscheinlich so eine kleine rassige Biene gewesen, und ich kann auch heute noch die Jungens verstehen, die gerade so ein Moped möchten. Viele schütteln den Kopf und fragen: Was soll das eigentlich? Diese Frage ist leicht zu beantworten. Das ist Hobby, Liebhaberei; das ist dasselbe, als wenn der ein oder andere nicht mehr ganz junge Herr aus purer Leidenschaft einen Super Porsche oder einen SL 300 fährt. Sicher hinken Vergleiche, aber in beiden Fällen ist ein Hang zum Rassigen vorhanden. Ich will hier nicht für das Sportmoped sprechen, aber es kann auch nicht negiert werden; ganz einfach deshalb, weil es bereits in beachtlicher Anzahl die Straßen bevölkert. Wurde soeben festgestellt, dass es sich bei einem Sportmoped wie der Victoria Avanti um eine Art Liebhaberstück handelt, so dürfen bei einem Test nicht die üblichen Maßstäbe für ein Tourenfahrzeug gelten. Schließlich soll ein Test in erster Linie dem am Fahrzeug Interessierten Wissenswertes bieten. Jeder angehende Avanti Fahrer sollte sich vor dem Kauf die Gewissensfrage stellen, ob er wirklich ein Sportfahrzeug fahren möchte, und ob in nach vier Wochen Besitzerfreude der schmale Lenker und der Renntank immer noch wichtiger sein werden als vielleicht ein Gepäckträger für die Aktentasche. Wer hier aus voller Überzeugung ja sagen kann, hat in der Avanti genau das richtige für sich gefunden. Von einem Fahrzeug mit ausgesprochen sportlicher Prägung wird automatisch eine hervorragende Straßenlage erwartet. Die Avanti vermag in dieser Richtung auch hochgestellte Erwartungen zu erfüllen. Jedoch soll hier gleich festgestellt werden, dass gerade der Umsteiger vom Fahrrad erst einer gewissen Gewöhnung bedarf, bevor er diese kleine Sportmaschine in ihren Möglichkeiten voll ausschöpfen kann. Der Grund liegt einmal darin, dass man sich erst an die neue Sitzposition (bedingt durch einen schmalen Lenker) und an die Lenkgeometrie ( die eine dem Motorradfahren ähnliche Fahrweise bedingt) gewöhnen muss. Richtig gefahren, wird die Maschine kaum mehr ,, gelenkt“ sondern weitgehend in die Kurven ,,gedrückt“. Das verlangt erstens festen Knieschluss am Tank, zweitens aber ein entsprechendes Körpergefühl, das die notwendige Schräglage in den Kurven und die Haftfähigkeit der Reifen erfassen muss.

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Die Hinterschwinge von rechts gesehen. Durch Herunterdrücken der Kettenspanner, die sich an Auflageflächen abstützen, wird das Hinterrad zurückgestellt, also die Spannung der Kette reguliert.

 

Auf diesem Fahrstill stellt man sich sehr schnell um, was rein gefühlsmäßig vor sich geht. Dann allerdings ergibt sich eine optimale Straßenlage und Kurvenfestigkeit, die im Rahmen der möglichen Geschwindigkeiten praktisch gar nicht voll ausgeschöpft werden kann. Die Maschine kann tief heruntergewinkelt werden, weder der Rahmen noch die Federungen schwingen dabei seitlich durch. Aus dieser Steifheit des Fahrgestells resultiert das sichere Fahrgefühl, das auch bei Sandstraßen und regennasser Wegdecke die notwendige Schräglage für schnelles Kurvenfahren erlaubt. Diese Straßenlage kann auch durch Bodenwellen und schlechten Straßenbelag nicht erschüttert werden, wenn mit richtigem Luftdruck gefahren wird. Auf diesen reagiert die Avanti sehr empfindlich, und zwei Zehntel atü plus oder minus werden sofort mit Springen oder Schwimmen des Reifens beantwortet. Der werksseitig mit 2,1 atü angegebene Luftdruck für das Hinterrrad erwies sich bei mir als etwas zu hoch; dabei sprang die Avanti auf Kopfsteinpflaster ziemlich unangenehm. Nach Ablassen von 0,2 atü lag sie aber goldrichtig. Mein eigenes Geweicht beträgt etwa 75kg; Fahrer die wesentlich weniger Geweicht in den Sattel bringen, können vielleicht noch ein Zehntel atü weniger vertragen.

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Der Vergaser ist durch ein Abdeckblech geschützt. Zum Abnehmen müssen 3 Schlitzschrauben und eine Gummihülle entfernt werden.

Durch den schmalen und vor allem tief liegenden Lenker werden die Handgelenke, auf die sich das Körpergewicht abstützt, ziemlich beansprucht. Um diese Belastung bei längeren Fahrten nicht zur Tortour werden zu lassen, ist es notwendig, die Lenkerstellung in die bestmögliche Lage zu bringen. Anzustreben ist eine Lage, bei der das Handgelenk weder seitlich noch in der Höhe verkantet wird; die Hand soll vielmehr in der natürlichen Verlängerung des Armes an den Lenker führen. Allzuweites Nach-hinten-sitzen verschlechtert den Fahrstill nur; die Knie müssen auf jedem Fall richtigen Schluss am Tank nehmen können. Eine weitere Verbesserung der Sitzposition ergäbe sich auf jeden Fall durch feststehende Fussrasten, doch hat hier der Gesetzgeber einen Riegel vorgeschoben.

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Hier wird das Kupplungsspiel reguliert. Am Ende des Bodenzuges sieht man Stellschraube und Gegenmutter, darunter den Kupplungshebel.

Läßt man versuchsweise einen Zweizentner – Mann auf den Sattel der Victoria Avanti sitzen, dann sieht man mit Erstaunen, über welch langen Federweg die Hinterradführung verfügt. Man versteht dann auch, warum diese Hinterradschwinge selbst beim ärgsten Schlagloch nicht zum Durchschlagen zu bringen ist. Erfreulicherweise bezahlt man diese Annehmlichkeit nicht mit einer h a r t e n Federung, da die gut gewählte Federkennung ein w e i c h e s Ansprechen der Federbeine bewirkt. Eine weitere Verbesserung könnte hier wohl nur noch durch den Einbau eines hydraulischen Dämpfers erzielt werden.

Diesen erstklassigen Fahrgestell sind die Victoria-Vollnabenbremsen ebenbürtig. Ich kenne sie von früheren Victoria-Testen her, bin aber immer wieder überrascht, wie weich sie greifen und welche Verzögerungswerte mit ihnen bei nur geringen Kraftaufwand in Hand und Fuss erreicht werden. Die Vorderbremse genügt auch für scharfe Bremsungen vollkommen.

Das ist sehr wichtig, den gerade dieses Sportmoped, das einen festen Sitz verlangt ( bei dem die Füsse fest auf den Pedalen bleiben), sollte möglichst wenig mit den Füßen gebremst werden. Ein guter Fahrer wird die Vorderradbremse als Hauptbremse einsetzen.

Der Breitstrahlscheinwerfer ergibt in Verbindung mit der 15 Watt Anlage ein ausgezeichnetes Licht, das sowohl in Reichweite wie Seitenausstrahlung ihresgleichen sucht. Nur kommt man leider nicht in den Genuss diesen guten Lichtes. Schuld daran ist der Chromhaltebügel des Vorderradschutzbleches, der genau im Lichtkegel liegt und somit den Fahrer so unangenehm blendet, das die Sicht nach vorne erheblich gestört ist. Es gibt nur zwei Möglichkeiten der Abhilfe: Entweder der Bügel wird abgemacht, oder er wird lackiert, so dass er nicht mehr reflektieren kann.

Die Hinternabe ist mit einer Steckachse ausgerüstet, obwohl dies bei der freilaufenden Kette gar nicht notwendig gewesen wäre. Der Rad- Ausbau wird dadurch aber auf jeden Fall vereinfacht und kann in sehr kurzer Zeit bewältigt werden. Nicht ganz befriedigt dagegen der Kippständer; weniger, weil die Maschine zum Aufbocken ziemlich hochgehoben werden muss, sondern in erster Linie, weil durch den geringen Abstand der Ständerbeine der Stand auf schlechten Bodenbelag ziemlich unsicher ist.

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Die Vorderschwinge der Avanti. Zum Reinigen der Bremse und zum Abschmieren des Tachometerantriebes lässt sich der Deckel des Bremsgehäuses abnehmen.

Kommen wir zum Motor: Er wird wahlweise mit Zwei- oder Dreiganggetriebe geliefert, und leider hatte das Testmoped nur einen Zweigangmotor. Ich bin aber der Ansicht, dass für Avanti Fahrer praktisch nur der Dreigangmotor in Frage kommt, denn wer so sportlich eingestellt ist, hat ja gerade am vielen Schalten seinen Spaß, den man ihm auch keinesfalls vorenthalten sollte. Das Zweiganggetriebe weißt einen ziemlich großen Sprung zwischen beiden Gängen auf. Dieser wird jedoch in keiner Weise störend empfunden, weil der Motor so elastisch ist, das er den Sprung vom ersten zum zweiten Gang ohne weiteres verdaut. So kann man im Zweiten bis auf etwa 15km/h heruntergehen, und beim Beschleunigen zieht der Motor ruckfrei, vor allem aber sofort beschleunigend bis zur Höchstgeschwindigkeit durch.

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Unter der Sitzbank befindet sich der Werkzeugbehälter, am hinteren Schutzblech ein Tragegriff. Die Kette ist leider nur von oben abgedeckt.

Wenn man in Rechnung stellt, dass der erste Gang bis zur 30km/h- Grenze reicht, so erscheint das eben gesagte noch eindrucksvoller. Der knapp übersetzte erste Gang bringt ein hervorragendes Bergsteigvermögen. 22% sind auch bei einem etwas schwereren Fahrer auf jeden Fall noch drin. Für das gute Drehmoment des Motors spricht, dass auch der zweite Gang noch Steigungen bis zu 14% schafft. Gerade bei diesem Motor, der sehr drehfreudig war und auf den leisesten Rückenwind mit höherer Drehzahl reagierte, macht sich die Laufruhe der Victoria- Motoren angenehm bemerkbar.

Selbst bei Vollgas fehlt das Klirren und Vibrieren, das sich bei manchen Mopeds so lästig bemerkbar macht. Dafür erschien er mir zwar nicht so leise, wie etwa der Vicky- Motor. Nicht, dass die Avanti ein Radaumacher wäre, das wäre eine Übertreibung. Aber in den oberen Drehzahlen hat sie schon einen gesunden Ton.

Ich dar wohl mit Recht annehmen, das der Avanti Fahrer der Benzinverbrauch kaum interessiert. Trotzdem sei er hier kurz erwähnt: Ständiges Vollgasfahren mit viel Beschleunigen im ersten Gang brachte einen Höchstverbrauch von 2,2 Liter auf hundert Kilometer. Ebenso war es aber möglich, bei nur einigermaßen vernünftiger Fahrweise mit 1,5- 1,6 Litern Treibstoff auszukommen. Bei dem Riesentank, der rund 8,5 Liter fasst, ist man also vollgetankt für 400 bis 500 Kilometer Fahrstrecke eingedeckt.

Bei diesem Moped die Gepäckträgerfrage anzuschneiden ist vollkommen unnütz, weil ein solcher gar nicht vorhanden ist. Ein Vertreter der ständig eine Aktentasche braucht oder gar einen Musterkoffer auf den Gepäckständer schnallen muss, wird sich auch kaum eine Avanti kaufen. Der junge Sportfahrer aber bringt seine Utensilien gut in einem Tankrucksack unter. Für etwas größeres Gepäck ist ein passender Gepäckträger gegen Aufpreis lieferbar.

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Zum Abschmieren der Federbeine ist im Oberteil eine Einfüllöffnung vorgesehen, die durch eine Halbrunde Kopfschraube verschlossen wird.

Der Schmutzschutz stellte mich zufrieden, wenn auch der vordere Kotflügel etwas tiefer heruntergezogen sein dürfte. Ich fürchte aber, dass Verbesserungsvorschläge dieser Art gar nicht die Zustimmung der Avanti-Liebhaber finden. Anders verhält es sich mit dem Kettenschutz, der ruhig durch ein unteres Kettenabdeckblech vervollständigt werden könnte, ohne dass die sportliche Linie leiden müsste. Die Kette wäre wahrscheinlich sehr dankbar dafür. Es hat viel für sich, wenn man bei, Mopedkauf zuerst einmal die Betriebsanleitung ansieht, denn nach meiner Erfahrung halten sich die Ausführungen das Betriebsanleitung und die Qualität der Fahrzeuges meistens die Waage. Die Betriebsanleitung der Avanti gehört zu den Besten, was ich in dieser Hinsicht kenne, und beim Vergleich hat die Avanti selbst ebenso wenig enttäuscht. Solch ein Moped zu fahren ist zwar nicht jedermanns Sache, aber wer nun mal ein richtiges Sportmoped fahren will, wird von der Victoria Avanti bestimmt nicht enttäuscht.

Technische Daten des Victoria-Mopeds "Avanti"

Motor:

Bohrung 38mm, Hub 42mm, Hubvolumen 47ccm, Verdichtung 6 : 1.Vergaser: Typ 1/10/41, Hauptdüse 56, Nadeldüse 2,17, Düsennadel Nr.2,Nadelstellung 2, Gasschieber Nr. 8. Dreischeiben- Lamellenkupplung. Getriebe: 2 bzw. 3 Gänge und Leerlauf. Ziehkeilschaltung. Übersetzungen: Motor/Getriebe 3,94 : 1; Zweiganggetriebe 1. Gang 29,1 : 1, 2. Gang 15,1 : 1: Dreigang- Getriebe 33,4 : 1, 2.Gang 20,9 : 1, 3. Gang 15,1 : 1. Schwungrad- Lichtmagnetzünder, Zündzeitpunkt 2,2 mm v. o. T., Abstand der Unterbrecher-Kontakte 0,4mm. Zündkerze Bosch W 175 T1 oder Beru 175/14 u. 2. Elektrodenabstand 0,4mm. Scheinwerferlampe 6 V, 2 W.

Fahrgestell:

Stahlblech- Preßschalen-Rahmen mit Hinterradschwinge. Profilrohr- Vordergabel mit Schwingarmfederung. Innenbackenbremsen. Felgen 23 x 2 ¼, Bereifung 23 x 2,25. Tank 8,4 Liter davon 1,15 Liter Reserve.

Preis:

Zweigang DM 675,-

Dreigang DM 690,-

 

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